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Oktoberfest 2017: Trachten- und Dirndl-Guide

Der Countdown zur Wiesn läuft und es sind nur noch wenige Tage, bis es wieder heißt: O’zapft is!`. Auch dieses Jahr gibt es wieder die ein oder anderen Trachten-Outfits in den Münchener Läden und in diversen Online-Shops. Und genau hier wird es für viele schwierig, ein passendes Trachten-Outfit zu finden, ist die Auswahl an Dirndl-Trends doch groß und das Trachtenverständnis nicht immer aus dem Stegreif vorhanden – bei Kunden und Verkäufer gleichermaßen.

Ich bin ein waschechtes bayrisches Madl aus dem Tegernseer Tal, war in meiner Kindheit sogar im Trachtenverein und bin somit auch Stolz auf die bayerische Tradition. Bayern hat für mich die schönsten Berge, eine unvergleichliche Landschaft, eine wunderbare Tradition und somit auch eine wunderschöne Tracht. Doch das war nicht immer so, denn es gab Zeiten, da ging man als Kind vom Land nur ungern in Tracht auf die Wiesn, denn vor ca. 10-15 Jahren traf man nur wenige in Tracht auf dem Oktoberfest an. Glücklicherweise hat sich dies im Laufe der Jahre gewandelt und heute versuchen sogar Touristen ihr Bestes, um in einer Tracht oder zumindest einem Tracht-ähnlichen Look dem Oktoberfest einen Besuch abzustatten. Manch einer erachtet die verrückten Trachten-Kostüme als schick, andere wissen vielleicht aber auch gar nicht, was es denn heißt in einem ´richtigen` Dirndl sich zu präsentieren. Manchmal fehlt einfach das Fachwissen oder auch der lokale Bezug – daher gibt es heute einen kleinen persönlichen Trachten-Guide, indem ich den Versuch wagen möchte, die Tracht (im klassischen Sinne) mit meinen Augen etwas näher zu bringen:


Die Herkunft des Dirndls:

Was viele nicht wissen: Der Begriff ´Dirndl` kommt ursprünglich aus dem Hochdeutschen und leitet sich vom Wort ´Dirn` ab, was soviel wie ein junges Mädchen oder im landwirtschaftlichen Umfeld eine Magd bezeichnet. Zu Beginn war das Dirndlkleid somit eine reine Dienstbotentracht und setzte sich erst ab 1870 als ländliches Kleid in der Oberschicht durch und war damit der Ausgangspunkt für alpenländische Tracht. Das Dirndl, wie man es heute kennt und trägt, sollte jedoch nicht mit der regionalen Volkstracht verwechselt werden, die sich oftmals erheblich von einem gewöhnlichen Dirndl unterscheidet. Das heutige Dirndl ist ein Modephänomen und somit ohne jeglichen regionalen Bezug.

Das Dirndl:

Dirndl ist nicht gleich Dirndl! Ein klassisches Dirndl wird meist aus Baumwolle gefertigt und sollte bestenfalls handgeschneidert sein. Das Oberteil eines Dirndls wird meist als ´Leiberl` bezeichnet und sollte wie eine zweite Haut am Körper anliegen. Neben dem Oberteil besteht ein Dirndl aus einem Rock und einer Schürze (auch ´Schurz` genannt). Doch nicht nur der richtige Stoff und eine optimale Passform sorgen beim Dirndl für die richtige Optik, auch die Länge des Dirndls wie auch der Stoff sind entscheidend. Das Dirndl sollte mindestens knieumspielend sein, bestenfalls Midi-Länge haben. Auch wenn es einmal in den 1970er Jahren in Mode war, Micro-Dirndl zu tragen – man kennt die Bilder der Eltern noch zu gut – sind heute längere Dirndl-Modelle die bessere Variante. Einzige Ausnahme sind Trachtenröcke wie beispielsweise ein eng anliegender Trachtenrock oder ähnliches – diese können auch knielang sein oder kurz oberhalb des Knies enden.

In puncto Farbe hat man die Qual der Wahl. Im Endeffekt ist hier theoretisch alles erlaubt, sofern der Stoff durch eine gute Qualität besticht. Besonders schön sehen Dirndl in gedeckten Farben aus, die miteinander harmonieren. So kann man beispielsweise die Farbe des Dirndls in der Schürze aufgreifen oder aber auch durch eine Signalfarbe bei der Schürze einen schönen Kontrast schaffen.

Wer es traditionell oder ländlich mag, greift zum zweiteiligen Dirndl bestehend aus einem Mieder oder Spenzer und einem Trachtenrock. Rund um den Tegernsee sind die Zweiteiler besonders gefragt und haben das klassische Dirndl längst in Sachen Trendfaktor überholt. Vor allem Spenzer (ein Oberteil mit Ärmel und Knopfleiste) erfreut sich mittlerweile wieder besonderer Beliebtheit und läuft dem herkömmlichen ´Leiberl` mit Bluse den Rang ab. Auch hier gilt: Der Spenzer sollte perfekt sitzen und keinerlei Falten werfen. Hier sollte man bestenfalls auf die Erfahrung einer Schneiderin vertrauen, denn diese kann die individuellen Körpervorzüge bestmöglich in Szene setzen. Ob das Oberteil nun über einen runden oder eckigen Ausschnitt verfügt, mit Froschmäulchen oder Zierbänder eingesäumt wird, bleibt jedem selbst überlassen. Handgemachte Dirndl verfügen oftmals über dekorative Satin-, Ripps- oder Samtbänder, die für einen schönen Kontrast sorgen und im Rücken einen Abschluss finden. Auch besondere Eyecatcher wie Monogram-Stickereien im Rückenbereich oder in Falten gelegte Schößchen sorgen für einen einzigartige Optik und sprechen zudem für die Wahl des Spenzers oder Mieders.

Die Dirndlbluse:

Hier heißt es Obacht! Denn die Dirndlbluse soll als dekoratives Beiwerk zum Dirndl dienen und ist keineswegs Unterwäsche-Ersatz. Klassische Dirndl trägt man immer mit Bluse und nicht sichtbaren Dirndl-BH darunter. Schwarze Blusen sind aus klassischer Sicht ein absolutes No-Go, ebenso wie transparente Modelle. Doch ansonsten hat man die freie Wahl. Perfektionisten wählen zum Dirndlausschnitt die passende Bluse. Heißt konkret, der Ausschnitt der Bluse sollte zum Dirndl passen. Mittlerweile gibt es auch viele hochgeschlossene Modelle sowie Blusen mit besonderem Schneewittchen-Kragen, die vielfältig kombiniert werden können. Wer lange Freude an der Dirndlbluse haben möchte, sollte auch hier auf Qualität achten, nicht zuletzt, weil der Tragekomfort auch unter schlechter Qualität leidet. Reine Baumwolle oder Blusen mit einem gewissen Stretchanteil sind hier am besten geeignet. Besonders praktisch sind Blusen, die am Saum zusätzliche Bänder haben, dank denen man die Bluse auch bei geschlossenen Dirndl noch perfekt in Position rücken kann (gibt es zum Beispiel von Gottseidank).

Die Schleife:

Ja, ja, das mit der Schleife ist so eine Sache und für viele Anlass für die ein der andere Mär. Fakt ist, dass es im Grunde nur zwei Bindemöglichkeiten gibt: Bei der regionalen Volkstracht wird seit jeher eigentlich nur zwischen verheiratet (Schleife wird rechts gebunden) und unverheiratet (Schleife wird links gebunden) unterschieden. Natürlich kann jeder das auf seine Weise interpretieren und sofern man vergeben sein sollte, die Schleife auch rechts binden. Die Tragevarianten in der Mitte (Jungfrau) oder im Rücken gebunden (verwitwet) haben keinerlei historischen Bezug und sind damit völlig überflüssig. Bei handgemachten Dirndln wird dies sowieso überflüssig, da die Bandlänge meist auf die bevorzugte Tragetechnik angepasst wird und somit gar nicht mehr im Nachhinein verändert werden kann.

Hangefertigte Dirndl

Als waschechtes Madl vom Land habe ich natürlich eine große Sammlung an handgeschneiderten Dirndln. Im Grunde ziehe ich die Handarbeit natürlich immer den Modellen von der Stange vor. Denn im Gegensatz zu vielen Vorurteilen, sind handgefertigte Dirndl nicht zwingend immer teurer als ein Designer-Dirndl von der Stange. Oftmals sind sie im Vergleich sogar preiswerter. Dafür hat man dann jedoch ein perfekt sitzendes Dirndl, das nach seinem individuellen Gusto zusammengestellt und selbst designt wurde. Am besten man hört sich einfach im Freundeskreis um oder durchforstet einige Dirndlschneidereien nach einer passenden Schneiderin. Jede Dirndl-Schneiderin vertraut ganz auf ihr eigenes Schnittmuster und so unterscheiden sich diese maßgeblich in puncto Schnitt, Passform und Tragekomfort voneinander. Ich für meinen Teil hab meine perfekte Schneiderin bereits gefunden, die sowohl meine Wünsche respektiert als auch mit Fachwissen und vom Stoffkauf bis hin zum Schnitt mit Rat und Tat zur Seite steht.

Wer weder die langen Wartezeiten noch die Zeit der Anfertigung und Anproben in Kauf nehmen will, der ist mit einem klassischen Dirndl aus einem der zahlreichen Trachten-Fachgeschäfte bestens beraten. In München beispielsweise gibt es bei Trachten Angermaier eine großartige Vielfalt und dank vieler schöner neuer Kollektion viele klassische Dirndl und Retro-Dirndl. Ein weiterer Tipp sind VintageDirndl, denn auch im Internet, etwa bei eBay oder Mädchenflohmarkt findet man mit etwas Glück ein tolles Vintage-Dirndl, das man für wenig Geld erstehen und dann abändern lassen kann. Hier muss man nicht zwingend auf die richtige Größe achten, denn mit ein zwei abgeänderten Seitennähten kann man einfache Vintage-Dirndl im Handumdrehen der eigenen Figur anpassen und hat so auf die Schnelle ein tolles Vintage-Dirndl mit Historie – inklusive Nachhaltigkeit.

Die Trachtenschuhe

Nein, meine Damen, man trägt zum Dirndl definitiv keine Sneaker oder Timberland Segelschuhe. Auch Ballerinas sind aus traditioneller Sicht ein No-Go, ebenso wenig wie Sandaletten, Boots, Gummistiefel oder ähnliches. Grundsätzlich trägt man zum Dirndl Trachtenschuhe. Da diese aber in puncto Optik nicht immer wirklich glänzen, darf man beim Oktoberfest gerne auf modische Alternativen zurückgreifen. Stilvolle Pumps mit mittelhohen Absatz, aus Velours- oder Glattleder, sind ebenso passend wie Schnürschuhe oder Riemchen-Pumps. Auch hier gilt: weniger ist mehr. Daher sollte man auf knallige Farben und allzu üppiges Beiwerk verzichten. Die wenigsten tragen heute noch in der Freizeit original Trachtenschuhe, diese kommen meist nur bei Trachtenveranstaltungen zum Einsatz.

Der Trachtenschmuck

Auch hier sind der Vielfalt an Interpretationen kaum Grenzen gesetzt. Doch meist haben die Modeschmuck-Modelle mit echten Trachtenschmuck nichts gemein, ist dieser doch des Öfteren sehr teuer und besonders. Rund um den Tegernsee findet man noch eine kleine aber feine Auswahl an traditionellen Juwelieren, die originalen Trachtenschmuck herstellen. Dazu zählt neben Haarnadeln, auch die Kropfkette sowie Trachtenketten, Anstecknadeln und Broschen, Ohrringe und Co. Das allseits beliebte Charivari ist hierzulande weit weniger bei der weiblichen Trachtenmode vertreten, dies ist aber von Region zu Region verschieden. Wer nicht vollends auf Schmuck verzichten möchte und auf der Suche nach günstigen Alternativen ist, sollte sich vom allzu übertriebenen Modeschmuck fern halten und lieber auf filigrane Ketten mit Anhängern mit Trachtenmotiven vertrauen. Eine günstige und dennoch effektvolle Alternative sind Bänder, die wie eine Krofpkette eng am Hals getragen werden. Dies ist ein schöner Effekt und kostet kaum Geld, da man die Bänder in jedem Kurzwarengeschäft preiswert kaufen kann. All jene, die einen Blickfang suchen, können das Band durch einen Anhänger ergänzen. Bei eBay findet man eine Vielzahl an historischen und antiken Schmuckstücken, die sich ideal als Trachten-Anhänger eignen.

Die Accessoires zum Dirndl

Kaum eine Frau verlässt das Haus ohne eine Tasche. Wem die Rocktasche im Dirndl für Lippenstift, Portemonnaie und Co. nicht ausreicht, der kann auf eine Trachtentasche zurückgreifen. Antike Trachtenkoffer sind leider heutzutage nur noch schwer zu bekommen, daher sind Trachtenkörbe oder auch kleine Taschen aus Leder eine tolle Alternative. Zur Not finden die wichtigsten Utensilien für den Wiesnbesuch auch in einer modernen und vor allem dezenten Clutch entsprechend Platz.

Neben der Tasche fehlt noch der passende extravagante Trachten-Hut? Bitte nicht, denn zum Dirndl trägt man in der Regel keinen Hut und wenn dann nur einen original Trachten-Hut. Auch hier gibt es regionale Unterschiede bei den Volkstrachten. So bestechen die Hüte der Miesbacher und Tegernseer Tracht durch eine niedrige mittelbreite Krempe und sind oben rund eingedrückt. Das Aschauer Hutmodell hat meist eine hohe und schmale Krempe, wohingegen der Werdenfelser meist über eine breite Krempe und einen kleinen Knick verfügt. Auch beim Hut gibt es Accessoires wie etwa den Gamsbart oder die Feder, die je nach Region und Gau- oder Trachtenverein variieren können.

Beherzigt man alle Tipps und Tricks, ist man eigentlich schon von Kopf bis Fuß auf Tracht eingestellt, oder zumindest so angezogen. Ob man sich die vielen Ratschläge nun zu Herzen nimmt oder nicht, bleibt jedem natürlich selbst überlassen. Im Grunde ist es doch schön, wenn das Brauchtum und mit ihm auch die Tracht und Kultur gelebt werden. Wenn das für den ein oder anderen dann ein Glitzer-Dirndl bedeutet, dann ist es eben so – immerhin ist nur einmal im Jahr Wiesn!

Und für alle, die es interessiert: Auf den Fotos trage ich ein zweiteiliges Trachten-Outfit, bestehend aus Spenzer und Trachtenrock von Trachten Angermaier, welches bei der Anprobe so gut saß, dass es auch handgefertigt sein könnte. Als ich mir mein gelbes Trend-Dirndl im Münchener Store aussuchen durfte, konnte ich nicht anders, als mir die blau-violettfarbene Trachten-Kombi zu kaufen.

Zu guter Letzt: Der Post ist weder gesponsert noch durch eine Marke unterstützt, sondern resultiert rein aus meinem Wissen und Vorliebe zur bayrischen Tracht – somit gibt es keine Garantie auf Vollständigkeit. Andere Meinungen und Trends sind natürlich ebenso erwünscht und respektiert. Auch die Tracht unterliegt dem Wandel der Zeit und so gibt es keinen allumfassenden Leitfaden für die perfekte Tracht oder Trachtenmode. Dennoch gibt es in jeder Dekade gewisse Leitlinien für die Tracht und für Traditionsbewusste, die die Tracht als solches schätzen und bewahren wollen. Allen voran die zahlreichen Trachtenvereine, die den Brauchtum wie auch das Trachtengewand mit all ihrer Historie würdigen, aber das ist eine andere Geschichte…

Bilder: ©Coco’s Philosophy

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